18. September 1985

Predigt von Kardinal Joseph Ratzinger

bei der Heiligen Messe mit Pilgern der Schönstattbewegung in Santa Maria Maggiore

Liebe Brüder und Schwestern!

Sie sind hier zusammengekommen, verbunden mit Ihren Brüdern und Schwestern, die in insgesamt 22 Kirchen Roms versammelt sind, um in diesem festlichen Jahr der Schönstattfamilie, dem 100. Geburtsjahr des Gründers, das Liebesbündnis mit Maria zu erneuern, das Sie als Schönstattfamilie begründet und trägt. Mit diesem Bündnis reihen Sie sich ein in eine Geschichte, die vor gut 70 Jahren am 18.Oktober 1914 begonnen hat, als Josef Kentenich den Grundentscheid seines Lebens fällte, indem er dieses Bündnis mit der Mutter des Herrn schloss: sich also entschloss, sein Leben in Zukunft nicht für sich allein, aus sich allein zu gestalten und zu leben; nicht einfach sich selbst zu suchen und zu verwirklichen, sondern von dieser Stunde an sein Leben aus einer Beziehung heraus zu leben, aus einer Verbindung und aus einer Bindung, aus einem Gebundensein, sein Leben zu gestalten, in dem Sich-Gesta1ten-Lassen, in dem Hinhören, dem Zuhören, der Bereitschaft, immer neu zu empfangen. Solche Verbindungen, solcher Bund wiederum war bei ihm nicht ein Bund unter Menschen dieser Welt, nicht ein Leben aus den eigenen Kräften dieser Welt, sondern ein Sich-Öffnen in die Weite des Ewigen hinein; Öffnen auf die andere Welt hin, die durch den Bund aufhört, die andere zu sein, weil sie selbst uns zu anderen, eins mit ihr macht. Er schloss den Bund mit Maria, der Mutter des Herrn, um von ihr her, die die Kirche in Person ist, Kirche zu werden; ganzes, reines Ja zum Willen Gottes.

Dies geschah im Herbst des Jahres 1914, d.h. in einer Zeit, in der die Furie des Weltkrieges losgelassen war, in einer Stunde, deren Bedeutung der Außenminister Großbritanniens in die Worte fasste: ,,Die Lichter über Europa sind ausgegangen." Das war die Zeit, in der die Allianzen, die Bünde der Zerstörung, sich mit ihrer ganzen Kriegsmaschinerie gegenüberstanden und ihre Macht gegeneinander losließen, damit jeder allein am Ende die Macht in Händen halten könne. Diese Bündnisse der Macht haben sich als Bündnisse der Zerstörung erwiesen. Das war ihr eigentliches Können, das Zerstören-Können. Sie sind vorübergegangen, durch andere ersetzt worden, die mit noch schrecklicheren Drohungen einander gegenüberstehen. In diesem Aufeinanderprallen der Mächtigen war dieses Geschehen, das Bündnis, das Josef Kentenich schloss, verborgen, scheinbar völlig bedeutungslos, ein privater Vorgang, der an der Weise, in der die Welt anfing sich zu vernichten, nichts ändern konnte. Aber gerade aus diesem Bündnis ist etwas Lebendiges gewachsen, denn die Macht der Mächtigen hat - ich sagte es schon - vor allem die Kraft des Zerstörens; das Sich-Verbinden in der Gemeinschaft der Liebe aber hat die Kraft, Leben zu geben. Und so ist dieses vor dem Aufmarsch der Kräfte der Welt scheinbar so bedeutungslose Bündnis das beständigere gewesen. Aus ihm ist Lebendiges gewachsen, Familie Jesu Christi über die Grenzen derer hin, die sich damals gegenseitig bedrohten; Familie über den ganzen Erdkreis hin, die ein Netz der Liebe, ein Netz des Guten mitten durch die Grenzen, die uns auch heute wieder trennen, spannt - eine Kraft, aus der Leben, Verwandlung und Hoffnung aufsteigt.

"Liebesbündnis mit Maria", dieses Wort trägt in sich zugleich eines der Kernworte der Heiligen Schrift überhaupt, das Wort vom Bund, das die ganze Hoffnung der Christenheit in sich enthält, denn es besagt ja, dass wir nicht allein gelassen sind in der Welt mit unbekannten Kräften und Mächten, die wir nicht durchschauen und letztlich nicht bändigen können, sondern dass der, der alles in Händen hält, uns kennt und liebt und eine Verbindung mit uns begonnen hat. Deswegen können wir Bund mit ihm schließen, weil er zuerst uns entgegengegangen ist und uns liebt. Das Liebesbündnis, das Sie in der Nachfolge von Pater Kentenich heute erneuern, ist gar nichts anderes als das Persönlich-Werden des großen Bundesgeschehens der Heilsgeschichte, von dem die herrlichen Mosaiken dieser schönsten Marienkirche der Welt uns erzählen. Es ist Verpersönlichen dieses Bundes, in den nun jeder selbst hineingeht, so dass er auch sein Bund wird, es dadurch wird, dass wir alle eins werden mit der, die die Kirche in Person ist. Denn Gott hat ja diesen Bund nicht mit einem einzelnen geschlossen; er hat ihn mit der Braut, mit der Mutter, geschlossen. Und wir alle können des Bundes nur teilhaftig sein, wenn wir selbst in der Einmütigkeit, in dem Einssein, in der Identifikation mit ihr streben. So ist damit auch schon die Antwort auf die Frage gegeben, die da vielfach gestellt wird: Bund, das ist Bund des Dreifaltigen Gottes mit uns durch den Mittler Jesus Christus, der uns selbst in die dreieinige Liebe vermittelt. Wenn es so ist, wozu brauchen wir dann Maria? Warum dann noch einmal eine Vermittlung dazwischen, wo er ganz eins mit uns geworden ist? Die Antwort darauf, wie wir eben gesehen haben, gibt noch einmal der Herr selbst in dem Evangelium, das wir heute gehört haben: Der Gekreuzigte - in den letzten Worten, die er diesen Erde schenkt - sagt zu seiner Mutter: "Frau, siehe da deinen Sohn" und sagt zum Jünger: "Siehe deine Mutter." Diese Worte sind der Akt der Kirchengründung oder sagen wir: eine der grundlegenden Darstellungen des Aktes, in dem Jesus Kirche gegründet und damit Bund geschlossen hat. Hier wird sichtbar, was das heißt, Kirche, und wie das vor sich geht, dass Gott seinen Bund, den Neuen Bund mit uns schließt.

Das geschieht zunächst dadurch, dass er das Ja Marias noch einmal neu und weiter und größer beansprucht. Es war zunächst das Ja gewesen zu diesem Sohn, den Gott ihr schenken wollte und zu diesem Willen Gottes, der sie ganz geheimnisvoll ins Unbegreifliche und Große hineinforderte. Aber nun in der Stunde des Kreuzes, in der Stunde Jesu Christi, musste dieses Ja noch einmal und neu gesagt werden. und es erhält eine noch tiefere Dimension. Es ist nun ein Ja zu dem neuen, dem anderen Sohn, der durch sie der gleiche Sohn werden soll. Es ist ein Ja in diesem zu all den Söhnen und Töchtern die ganze Geschichte hindurch. Es ist Ja dazu, die ganze Geschichte hindurch und für sie von ihm beansprucht zu sein. Auf diesem in die ganze Geschichte hinein ausgedehnten Ja Mariens beruht die Kirche. Und umgekehrt: Kirche wird dadurch vom Herrn gegründet, dass er dem Jünger seine Mutter gibt. Darin wird Kirche. Er gibt uns eine Mutter, seine Mutter. Von da verstehen wir überhaupt erst, was das ist: Kirche. Kirche ist nicht Apparat, eine Unsumme von Bürokratien von Ämtern, von irgendwelchen Veranstaltungen. Kirche ist dies: dass wir in die Familie Jesu Christi und so in die Liebesgemeinschaft mit ihm hineingerufen werden. Sie ist dies, dass wir seine Mutter als unsere Mutter haben und dadurch mit ihm zusammen gehören. Sie ist dies, dass wir uns von ihr, wie ein Kind von der Mutter geformt wird, prägen und formen lassen, dass wir selbst marianisch werden und darin die eine Kirche, die Braut des Lammes sind.

Die Lesung sagt uns dies gleiche noch einmal in einen anderen Bild. Sie spricht von der Neuen Stadt, von dem heiligen Jerusalem, das zugleich - für uns ein wenig unbegreiflich - die Braut heißt. In dieser Idee des Neuen Jerusalem hat Israel seinen Traum von der wahren Welt ausgesprochen. Denn Stadt war der Inbegriff von Geborgenheit, von Miteinandersein, von Gemeinschaft, von Reichtum, von Fülle und so von Freiheit. Und vor allen Dingen: zu der Stadt, die dies alles schenkt, jede Einsamkeit aufhebt, jede Not überwindet, gehörte, dass da nicht nur Menschen wohnen, sondern dass Gott selbst in ihr wohnt. Denn nur wo er selbst mit dabei wohnt, kann sich dies erfüllen. Wir wissen ja, wie sehr die Menschenstädte ganz im Gegenteil oft die Orte einer unermesslichen Einsamkeit, einer unermesslichen Not und Ungetröstetheit und Unfreiheit sind, weil Er da nicht wohnt. Das aber führt uns nun dazu, zu verstehen, wieso die Bibel das Bild der Stadt mit dem der Braut austauschen, verschmelzen kann. Stadt ist dann erst die richtige Stadt, wenn Gott dabei wohnt. Aber Gott wohnt nicht in Steinen, Gott wohnt nicht in Menschenhäusern. Die einzige Wohnstatt, die seiner würdig ist, die groß genug ist für ihn, ist das Herz des Menschen. Er allein kann wahrhaft Tempel sein. So ist Maria wirklich das geworden, was die Stadt Jerusalem nie sein konnte: die offene Tür für Gott in dieser Welt, die Bleibe in der er wohnt; die Braut, die geschmückt ist für ihn; die Braut, die schön genug ist für ihn, die leuchtet für ihn; die Braut, die in Liebe ihn herbeiruft und ihn wohnen lässt. Um einen solchen Menschen herum, in dem Gott wohnt, entsteht dann wirklich Vertrauen, Geborgenheit, Miteinander. Da ist das, was wir Neue Stadt nennen können. So ruft uns dieses Liebesbündnis, in der Einheit mit ihr diese Neue Stadt zu bauen, uns um sie zu sammeln in der Familie Jesu Christi, in jenem familiären Vertrauen, das aus dem Wissen um Gottes Nähe seine letzte Sicherheit empfängt. Die 22 Kirchen, in denen ihr heute versammelt seid, und die vielen über den ganzen Erdenrund hin, in denen das gleiche geschieht, sind ein Stück dieser Neuen Stadt in dem Maße, in dem dieses Bündnis wahr wird. Es ist wahr, soweit wir eins mit ihr, Gottes Zelt in dieser Welt werden, im Einswerden mit ihrem Ja seine Wohnstatt sind und damit der Ort, wo in der Tat sich Vertrauen öffnet und Liebe die Welt verwandelt. Wir wollen den Herrn bitten, dass er uns schenkt, dieses Ja ganz zu sprechen; dass er uns schenkt, mit Maria, die die Kirche in Person ist, selbst Kirche zu werden.

In solchem Geist wollen wir nun die Bündniserneuerung vollziehen.

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