Norbert und Renate Martin

20 Jahre "Familiaris Consortio"

Am 22. November vor 20 Jahren erschien das nachsynodale Schreiben "Familiaris Consortio" (FC). Es war der Herbst nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. In seiner ersten Radiobotschaft nach dem Anschlag, noch aus der Klinik, sagte der Papst, dass er seine Leiden für die so bedrohte Institution Ehe und Familie aufopfere. So kann man sicher sein, dass diese "Magna Charta" der Familie, wie man FC genannt hat, auch eine Frucht seiner Leiden ist.

Bedenkt man die kirchliche und gesellschaftliche Situation, in die hinein FC in Deutschland erschien, so kann man sagen: sie war unübersichtlich und pluriform.
Es war die Zeit, in der sich die Folgen der allgemeinen Säkularisierungstendenzen der Nachkriegszeit in voller Stärke im kirchlichen Leben zeigten. Es seien hier beispielhaft, aber nicht erschöpfend, einige Tendenzen skizziert: ein starker Rückgang der kirchlichen Praxis auf allen Gebieten; eine zunehmende Erosion des Milieu-Katholizismus und besonders der katholischen Verbände; die allmähliche Transformation der gesellschaftlichen Wirklichkeit von einer durch "christliche" Parteien geprägten Politik hin zu einer durch liberale und sozialistische Parteien bestimmten Öffentlichkeit; die schleichende Umgestaltung des Rechtssystems in Richtung immer liberalerer Individualrechte, vor allem Ehe und Familie betreffend (Scheidung, Abtreibung, Sozialgesetzgebung u.a.); die allmähliche Auflösung der traditionellen Pfarrstrukturen usw.
Auf dem Gebiet von Ehe und Familie gab es manche Initiativen, die zurückgehenden Zahlen der kirchlichen Trauungen und die steigenden Scheidungszahlen durch neue Formen der Ehevorbereitung aufzufangen - leider mit nur mäßigem Erfolg. Die kirchliche Ehepastoral litt unter den fortdauernden Folgen der vehementen Ablehnung der Enzyklika "Humanae Vitae", sowie der folgenreichen Verengung des Blicks allein auf Fragen der hormonellen Kontrazeption. Die sogenannte "Königsteiner Erklärung" der Deutschen Bischofskonferenz überdeckte den eigentlichen Konflikt nur mühsam.

Als in diese Situation hinein 1981 "FC" erschien, das Abschlussdokument des Papstes zur Welt-Bischofssynode von 1980 über "Die Aufgaben der christlichen Familie in der heutigen Zeit", war man in Deutschland sehr auf den Inhalt gespannt.
Diese Synode selbst hatte in der Öffentlichkeit ein ziemlich negatives Echo gefunden. "Man hatte sich von vorneherein darauf festgelegt, sie an ihrer Stellungsnahme zu einigen Standardfragen der theologischen Publizistik zu messen, vor allem der Frage der ‚Pille' und der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Diese Verengung der Perspektive ist insofern aufschlussreich, als sie die geistige Lage blitzartig beleuchtet... An solchen Einstellungen gemessen konnte die Synode nur mit ‚Ungenügen' abschneiden" (Kardinal Ratzinger).

Leider erlitt FC, dieses großartige und einzigartig in der Kirchengeschichte dastehende Dokument über Ehe und Familie, ein ähnliches Schicksal wie die Synode. Selbst renommierte Theologen legten lediglich das Maßband "einiger Standardfragen der theologischen Publizistik" (Kardinal Ratzinger) an dieses monumentale Apostolische Schreiben. Man suchte akribisch die Stellen heraus, die die Dissens-Fragen behandelten. Als man feststellte, dass diese keine "Neu-Entwicklungen" zeigten, sondern die "traditionelle Lehre" bestätigten, klappte man das Dokument zu und ging zur Tagesordnung über.

Diese negative Voreinstellung und ihre Folgen in der Öffentlichkeit bis tief in kirchlich gesinnte Kreise hinein verhinderte eine unvoreingenommene Information über FC und eine angemessene Beschäftigung mit diesem Dokument und damit auch die volle Übernahme der reichen Früchte, die das Dokument für die christlichen Ehen und Familien und die kirchliche Pastoral anbietet.

Nach der Synode und nach dem Erscheinen von FC wurde von vielen Familien und Priestern in ungezählten Vorträgen in ganz Deutschland versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. In mancher Hinsicht ist das gelungen. In mehreren Diözesen gelang es, einen Großteil der Priester und Theologen im Sinne der kirchlichen Lehre zu schulen über die umstrittenen Fragen der kirchlichen Familienpastoral und ihnen die zugehörigen Dokumente nahe zu bringen. Ob solche Schulungen möglich wurden, hing in hohem Maße von den entsprechenden Diözesan-Bischöfen ab: wenn sie ein eigenes Interesse an diesen Fragen hatten, stellten sie wiederholt in Hirtenbriefen die Lehre von FC dar und luden Referenten, zumal Eheleute, für die Priester- und Theologenfortbildung ein.

In Zusammenarbeit mit dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Joseph Höffner und mit Prof. Dr. Rötzer wurden ab 1981 durch Anregungen, die die Synode und FC gaben, erstmals in Deutschland verschiedene Initiativen für die Verbreitung von Kursen zur "Natürlichen Empfängnisregelung" gestartet, die bis heute laufen und sicherstellen sollen, dass insbesondere auch in allen Ehevorbereitungskursen - wenn erwünscht - entsprechende Angebote enthalten sind. In einzelnen Fällen und durch private Initiativen gelang eine Verbreitung von Bildungsangeboten auf dem Gebiet der Familienpädagogik, die klar auf dem Boden von FC stehen. Träger dieser Pastoral waren mehrheitlich hoch motivierte Eheleute, in Einzelfällen auch die verantwortlichen Leiter von diözesanen Stellen der Familienpastoral.

Eine hohe Identifikation und Dynamik erfuhr und erfährt diese Pastoral insbesondere durch Mitglieder der geistlichen Bewegungen, so dass man hier mit Fug und Recht sagen kann, dass die Familie sich wirklich vom Objekt zum Subjekt der Pastoral entwickelt hat, wie es FC ausdrücklich fordert. Diese Tatsache ist eine der wichtigsten Folgen im deutschsprachigen Raum. Spürbar ist auch, dass durch die nach FC fortgesetzte, umfassende und begeisternde Lehre Johannes Pauls II. über Ehe und Familie in immer weiteren Kreisen bei den Gläubigen und in zunehmendem Maße besonders bei jungen christlich geprägten Ehen die Überzeugung gewachsen ist und noch wächst, dass Ehe und Familie eigenständige Heils- und Heiligkeitswege in der Welt sind. Die Lehre von der Heiligung des Werktags und der Berufswelt durch den Laien, wie sie von charismatischen Gründergestalten vertreten wird, unterstützen dabei wirkungsvoll die Lehre der Kirche und besonders von Papst Johannes Paul II..
Trotzdem ist der bekannte "anti-römischen Affekt", von dem Urs von Balthasar schon vor Jahrzehnten sprach, einer der Gründe dafür, dass es bisher in Deutschland viel zu wenig und weniger als in anderen Ländern gelungen ist, den Reichtum von "FC" zur Grundlage umfassender Programme und Aktionen auf den Gebieten der Familienpastoral, der Familienpädagogik und der Ehe- und Familienspiritualität zu machen.

In einer kürzlich erhobenen empirische Befragung bei rund 50 engagierten Ehepaaren aus ganz Deutschland wurde nach Kenntnis und Verbreitung von FC in Familien, in Familienkreisen, auf Pfarrebene, in der Diözese, in Aussagen von Bischöfen, bei den Bewegungen, in publizistischen Verlautbarungen usw. gefragt. Die Ergebnisse sind einigermaßen repräsentativ im Sinne einer qualitativen Analyse.
Danach antwortete eine deutliche Mehrheit negativ auf folgende Fragen: ob ihnen FC schon einmal im kirchlichen Raum begegnet sei; ob FC in Predigten oder Katechesen auf Pfarreiebene erwähnt wird oder wurde; ob FC in publizistischen Beiträgen der Bistumszeitung eine Rolle spielt; ob der Diözesanbischof auf FC beruhende Pastoralprogramme ins Leben gerufen habe; ob FC in der Ehevorbereitung zugrunde gelegt wird.
In einzelnen Fällen glaubte man, sich dunkel erinnern zu können, dass vor 20 Jahren bei Erscheinen von FC "mal hier und da was erwähnt" worden sei (vom Bischof, vom Pfarrer, in der Kirchenzeitung). Diese Ansätze seien aber nicht systematisch weitergeführt worden.
Einer eigenen Erwähnung bedarf die Tatsache der folgenden Erfahrung: mehrere Befragte wiesen darauf hin, dass sie in Gesprächen, Veranstaltungen, Vorträgen usw. Inhalte von FC bewusst vermitteln, ohne den Ursprung der Gedanken namhaft zu machen, um ein unvoreingenommenes Zuhören zu erreichen. Oft wurden sie hinterher gefragt, woher sie denn diese großartigen Gedanken und Sichtweisen hätten. Wenn sie dann FC als Ursprung nannten, antwortete man ihnen erstaunt und ungläubig: "So etwas Tolles steht darin"?

Sicher kann man heute, 20 Jahre nach dem Erscheinen von FC, nicht von einer rundum zufriedenstellenden Lage in Deutschland sprechen, dafür waren die Widerstände zu groß und die Ausgangslage zu negativ. Aber die zähe und geduldige Arbeit vieler hat doch die Offenheit für FC vergrößert, so dass man sich heute schriftlich und mündlich leichter darauf berufen kann als vor einigen Jahren.
So kann man nur hoffen, dass die Ansätze, FC in seiner Bedeutung zu erkennen, sich in Deutschland - und man kann sagen im ganzen deutschsprachigen Teil Europas, denn dort ist die Lage ähnlich wie in Deutschland - weiter entfalten, denn für das Lebens- und Wertgefühl gerade junger, christlich überzeugter Eheleute ist FC das ansprechende Dokument schlechthin. FC ist auch nach 20 Jahren in seiner soziologischen Zeitanalyse nicht überholt, bringt pastorale Anregungen, deren Durchführung viele Missstände verringern würden und erhellt den theologischen Hintergrund der Ehe als einer auf einem eigenen Sakrament beruhenden Wirklichkeit in bisher unübertroffener Weise. Kurz: auch für den mitteleuropäischen Raum ist FC 20 Jahre nach seinem Erscheinen noch ein hoch aktuelles und modernes prophetisches Schreiben.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Tagespost vom 22.11.2001.

Zurück       zur Startseite des Familienbundes           zu den Nachrichten